Wald-
und Wiesenflüstern

Kleine Einführung Hollepfad

Wir feiern wieder Jahreskreisfeste, um uns an die aktuellen Prozesse in der Natur anzuschließen. Das ist nicht nur für unseren Körper wichtig, der ebenso wie Pflanzen und Tiere im Jahresverlauf verschiedene Energiephasen durchläuft. Auch für unsere Gefühlswelt, unser bewusstes Sein und unsere Selbstbestimmung kann es heilsam sein zu schauen, welche Vorgänge in der Natur gerade bestimmend sind: wir können zum Beispiel die Kraft des Frühlings, der zunehmenden Sonne nutzen, um Projekte oder Vorhaben auf den Weg zu bringen. Im Sommer können wir uns fragen, was wir in unserem Lebensjahr nun ernten wollen. Was brauchen wir noch, was kann auf den Kompost?
Loslassen und sich zentrieren, feiern und traurig sein – alles hat seine Zeit. Im Jahreskreis spiegelt sich das Leben eines Jahres, die Prozesse vieler Jahre und das ganze Leben – wenn man so hinschauen möchte.

 

Das Gespür für die beseelte Natur und die seelisch-geistigen Dimensionen brachte die Menschen dazu an die Göttlichkeit der Schöpfung zu glauben. Vielleicht sind so unzählige Mythen, Märchen und Geschichten über lange Zeiten des Menschseins auf der Erde entstanden. Diese Geschichten nehmen die Prozesse in der Natur auf: das Keimen und Geboren werden von Pflanzen und Tieren im Frühjahr, das Heranwachsen und Reifen, die Fortpflanzung und schließlich das Sterben. Das Sterben und Loslassen ist Grundlage für den Neubeginn im nächsten Jahr. Bedeutsam sind die Gefahren, die im Laufe eines Kreises durch das Jahr bewältigt werden müssen, damit sich unser Rad  weiter drehen kann: in der Natur sind es Ereignisse, die von außen initiiert werden (Wetter, Jahreszeiten, Katastrophen). So müssen Pflanzen, Tiere, Menschen, die in jedem neuen Jahr wachsen und reifen wollen durch Prozesse gehen, die durch die Jahreszeiten bedingt sind. Auch auf der persönlichen Ebene gibt es immer wieder Ereignisse und Bedingungen, auf die wir uns einstellen müssen. Wir können daraus lernen und uns weiter entwickeln.

 

Die Prozesse in der Natur sind in vielen Mythen festgehalten. So gibt es die Geschichte von der Korngöttin Demeter, deren Tochter Persephone in die Fänge der Unterwelt gerät. Die Geschichte zeigt auch auf, wie Demeter und Persephone für sich einen Weg damit finden. So haben diese Geschichten und Märchen für uns Menschen Vorbildcharakter – wir gehören ja ebenso zur Natur wie Pflanzen und Tiere. Sie erzählen uns, wie wir durchs Leben kamen und kommen können. Das Frau Holle-Märchen lehrt uns u.a. was wir für ein gutes Leben brauchen; übertragbar auf viele Ebenen unseres Seins.

 

Ehemals wirkten weise Frauen für ihre Leute, ihren Stamm, ihr Dorf als Pflanzenkundige, Heilkundige, Mittlerinnen, Ratgeberinnen, Priesterinnen. Ihre Spuren sind für aufmerksam Suchende heute immer noch zu entdecken. Es waren die Holden, die Saligen, die Sybillen, die Hagediesen, die Moosweiblein und die Hägsen…

Ihr großes Wissen und Weltverständnis haben wir leider verloren.

Und doch ist es hier und da wieder zu entdecken und vor allem wieder zu erlangen.

 

Für mich sind diese alten Geschichten  bedeutsam. Sie gehören zu unseren Wurzeln, sind Teil unseres uralten Gedächtnisses. Werden sie in unser Jetztleben integriert, werden die Lücken in uns gefüllt – wir verstehen und fühlen mehr vom Sinn und sinnvoll Sein in unserem Leben – vom Großen und Ganzen. Es ist wie ein großes Gedächtnis, aus dem zu Schöpfen uns zur eigenen Ganzheit und Weisheit führen kann. Jede/jeder Einzelne kann aus diesen Geschichten das nehmen, was ihr/ihm sinnvoll erscheint und ihren/seinen persönlichen Lebensweg weben.

 

Die Göttin Holle, die hier vor der Christianisierung und währenddessen immer noch verehrt wurde, ist die, die das Geschehen rund um den Jahresverlauf lenkt und die sich um Pflanzen, Tiere und Menschen kümmert.

Zum Frühjahr hin wandelt sie mit ihrem grünen Kleid über die noch schneebedeckte und kahle Landschaft und hinterlässt in ihren Spuren ergrünte Wälder und blühende Blumenwiesen. Hinter ihr her weht ein milder, süßer Hauch wundersamer Düfte und Aromen durch die Landschaft.

In den Raunächten kommt sie und schaut, was wir Menschen gesponnen haben. Natürlich ist sie eine gute Göttin; sie ist aber auch eine Lehrerin und behandelt ihre Menschenkinder genauso, wie das Leben selbst es tut. Ihre Lektionen können manch einer/m sehr hart vorkommen; erst im Rückblick können wir sie verstehen und erkennen das Potential dieser Lektion.